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Geschichten vom Wolfgangsee: Sommerfrische, Sensationen & Skurriles vom See

Portrait und Reportage mit Augustin Kloiber, Archivleitung des Archiv für Ortsgeschichte St. Gilgen in St. Gilgen am 07.05.2026.

150 Jahre Sommerfrische – und noch mehr …

Ein Gespräch mit dem St. Gilgener Ortschronist Augustin Kloiber über Sommerfrische, Pilgerströme und andere skurrile Stories vom Wolfgangsee

Wer Geschichte und Geschichten über den Wolfgangsee erfahren möchte, der ist bei Augustin Koiber, dem Ortschronisten von St. Gilgen, in den besten Händen. Wer ihn besuchen möchte, muss unters Dach des ehemaligen Schulhauses von St. Gilgen hinaufsteigen. Am Weg nach oben knarzt der alte Holzboden bei jedem Schritt und lässt erahnen, wie das Trappeln kleiner Kinderfüße auf diesen Holzdielen geklungen haben muss, wenn einst die Glocke zur Pause läutete.

"Der Tourismus begann mit den Pilger:innen"

Zwischen historischen Büchern, vergilbten Fotografien und sorgsam archivierten Dokumenten erzählt Augustin Kloiber Geschichten aus einer anderen Zeit. Und öffnet damit nicht nur die Tür zu 150 Jahren Sommerfrische am Wolfgangsee, sondern noch viel weiter zurück.

„Viele glauben, dass der Tourismus im Salzkammergut mit der Sommerfrische begonnen hat. Dabei war der Wolfgangsee schon im Mittelalter ein extrem wichtiges Reiseziel “, erzählt Kloiber. Bereits im 14. Jahrhundert hätten sich Tausende Menschen auf den Weg gemacht, um St. Wolfgang, die Wirkungsstätte des Heiligen Wolfgang zu besuchen. „Man muss sich vorstellen: Die Dörfer hatten zu dieser Zeit vielleicht 100, 120 Einwohner:innen – und plötzlich kamen im Sommer 80.000 Menschen, die alle untergebracht und versorgt werden mussten“, berichtet der leidenschaftliche Hobby-Historiker.

Der Wallfahrtsort galt damals als einer der bedeutendsten Europas. Lediglich Rom, Santiago de Compostela und Aachen seien noch größer gewesen, erzählt Kloiber – danach habe bereits St. Wolfgang gezählt. Oft nahmen die Pilger:innen wochen- und tagelange, beschwerliche Wege auf sich, um nach St. Wolfgang zu kommen und die wundersamen und heilsamen Orte zu besuchen: „Die Leute wollten sehen, wo der Heilige Wolfgang gesessen ist, wo er gepredigt hat oder wo seine Hacke zu Boden gefallen ist. Sie wollten Wasser von der Wolfgangsquelle am Falkenstein, wo der Bischof von Regensburg der Legende nach seinen Stab in den Fels geschlagen hat, um seinen durstigen Begleiter mit frischem Wasser zu versorgen“, berichtet Kloiber.

Rund um diese Geschichten entstand über Jahrhunderte eine regelrechte Pilgerkultur – inklusive erster Souvenirs. Besonders beliebt waren die sogenannten „Wolfgangiflascherl“, die mit dem glasklaren angeblich Augenleiden heilenden Wasser vom Falkenstein gefüllt wurden. „Einige dieser Flaschen haben wir sogar im Archiv“, meint Kloiber. Für ihn ist klar: „Das war schon früher Tourismus – nur eben mit religiösem Hintergrund.“

Teufel, Heiden und der heilige Wolfgang

Ein freudiges Glitzern schleicht sich in Augustin Kloibers Augen, wenn er von den alten Sagen rund um den Falkenstein erzählt: Einem Ort, an dem sich christliche Geschichten mit heidnischen Kultstätten vermischen. „Die Kirche war geschickt“, sagt er schmunzelnd. „Man hat heidnische Orte und Bräuche übernommen, adaptiert und christianisiert.“

Eine der bekanntesten Geschichten handelt vom Bau der Kirche am Falkenstein und dem Teufelsloch, das bereits vor dem Christentum ein besonderer Ort war. Der christlichen Sage nach wollte der Heilige Wolfgang dort eine Kirche errichten. Der Teufel – Sinnbild für alles Heidnische – wollte das natürlich verhindern. Schließlich schlossen die beiden einen Pakt: Der Teufel sollte beim Bau helfen und dafür die erste Seele bekommen, die die fertige Kirche betritt.

„Natürlich glaubte der Teufel, er bekommt einen Menschen“, erzählt Kloiber. Also habe er gewaltige Felsbrocken geschleppt und geholfen, die Kirche mitzubauen. Als sie fertig war, wartete er voller Vorfreude vor dem Eingang auf seine Belohnung. Doch Wolfgang trickste ihn aus: Statt eines Menschen schickte er einen Wolf als ersten „Besucher“ in die Kirche. „Der Teufel war natürlich außer sich vor Wut“, sagt Kloiber lachend. Und so zerriss der Teufel der Sage nach den Wolf und verschwand durch ein Loch im Felsen – das sogenannte Teufelsloch, das es bis heute – integriert in die Kirche am Falkenstein – gibt.

Für den Ortschronisten steckt hinter der Geschichte mehr als nur eine Legende. „Das ist der symbolische Sieg des Christentums über das Heidentum“, erklärt er. Viele der Erzählungen rund um den Wolfgangsee seien genau an dieser Schnittstelle entstanden – dort, wo alte Kultplätze, Naturglauben und christliche Traditionen aufeinandertrafen.

„Der Wolfgangsee war weit mehr als ein Erholungsort. Er wurde zur Sommerbühne der Wiener Kulturszene, auf der sich Künstler, Schriftsteller und Musiker begegneten.“ - Augustin Kloiber

Sommerfrische als Bühne der Reichen

Die eigentliche Sommerfrische begann allerdings viel später – und zwar als exklusives Vergnügen der Wohlhabenden der k.u.k.-Monarchie. „Berühmt geworden ist das Salzkammergut und die damit verbundene Sommerfrische durchs Kaiserhaus“, erklärt Kloiber. Vor allem Kaiser Franz Joseph machte die Region populär. „Denn dort, wo der Kaiser Urlaub machte, wollten alle hin, die es sich leisten konnten. Raus aus dem sommerlich heißen Wien – hinein ins erfrischende Salzkammergut.“ Für reichlich Erfrischung sorgten vor allem die Fahrten über den Wolfgangsee: Als am 20. Mai 1873 zum allerersten Mal der Raddampfer „Kaiser Franz Josef I.“ über den Wolfgangsee fuhr, bejubelte am Landungssteg eine schaulustige Besucher:innenschar die Geburtsstunde der Linienschifffahrt. Vier Fahrten täglich sah der erste Sommerfahrplan im Jahr 1873 vor: Die Anlegestellen wurden zu einem Ort des Sehens und Gesehenwerdens, an dem sich Passagiere und Schaulustige gleichermaßen einstellten.

Mit der kaiserlichen Familie kamen auch zahlreiche Künstler:innen wie der berühmte österreichische Landschaftsmaler August Schaeffer von Wienwald (1833–1916). Aber auch berühmte Schriftsteller:innen wie Hilde Spiel, Alexander Lernet-Holenia und Leo Perutz – die sogenannte „Wolfganger Trias“ – sowie Friedensnobelpreisträgerin Marie von Ebner-Eschenbach genossen die Inspiration des Sees. Auch viele Musiker:innen kamen an den Wolfgangsee, um die Gäste mit ihren Kompositionen zu erfreuen. Kaffeehäuser, Ballsäle und Kurkonzerte entstanden. „Die Wiener haben im Sommer ganze einfach ihre gesamten kulturellen Aktivitäten hierher verlegt“, sagt Kloiber. Selbst berühmte Namen wie Johannes Brahms oder der Chirurg Theodor Billroth verbrachten ihre Sommer am See.

Dass die Sommerfrische damals auch ein gesellschaftliches Schaulaufen war, daran erinnern nicht nur Gedenktafeln, Straßennamen und Aussichtsplätze. In sogenannten Fremdenlisten konnte man nachlesen, welcher Baron, Industrielle oder Künstler gerade im Ort weilte. „Das war im Grunde wie Social Media heute“, meint Kloiber schmunzelnd. „Man wollte wissen: Wer ist da? Wo sitzt er? Wen sieht man vielleicht beim Spaziergang?“

Portrait und Reportage mit Augustin Kloiber, Archivleitung des Archiv für Ortsgeschichte St. Gilgen in St. Gilgen am 07.05.2026.
Aussicht mit Komfort

Natur erleben – aber bitte stilvoll: Auch das gehörte zur Sommerfrische. Wanderwege wurden angelegt, Aussichtspunkte geschaffen und sogar Bänke von reichen Sommergästen finanziert. „Das war selbstverständlich ein sehr kultiviertes Naturerlebnis“, erklärt Augustin Kloiber. Selbst auf den Schafberg ließ man sich damals tragen. Junge Männer transportierten Gäste in Sesseltragen auf den Gipfel. „Es gibt herrliche historische Zeichnungen davon“, sagt Kloiber. Übrigens: Ursprünglich hieß der Berg nicht Schafberg, sondern „Schauberg“ – wegen der spektakulären Aussicht auf die Seenlandschaft.

Und auch ein wenig Übertreibung gehörte offenbar schon damals zum Tourismusmarketing. In alten Reisebeschreibungen sei zu lesen, man könne vom Schafberg aus bei gutem Wetter sogar die Spitze des Eiffelturms sehen. „Fake News hat’s also auch früher schon gegeben“, sagt Kloiber und lacht.

„Das Salzkammergut war immer schon ein Ort, an dem sich Wirklichkeit und Legende vermischt haben.“ - Augustin Kloiber

Portrait und Reportage mit Augustin Kloiber, Archivleitung des Archiv für Ortsgeschichte St. Gilgen in St. Gilgen am 07.05.2026.
„Die Leute wollen Geschichten hören“

Heute begeistert Augustin Kloiber Gäste bei besonderen Schifffahrten mit genau solchen Erzählungen. Warum sie so gut ankommen? „Weil Geschichte lebendig wird“, sagt er. „Die Menschen wollen nicht nur Daten hören. Sie wollen Geschichten.“ Und davon gibt es rund um den Wolfgangsee offenbar genug – skurrile, bewegende und manchmal fast unglaubliche. 

Geschichten vom Wolfgangsee

Diesen Sommer bieten besondere Rundfahrten mit der WolfgangseeSchiffahrt die Gelegenheit, Geschichte und Geschichten aus 150 Jahre Sommerfrische am Wolfgangsee erzählt von Ortschronist Augustin Kloiber live zu erleben: Eine unterhaltsame, inspirierende und facettenreiche Entdeckungsreise. 

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